Olympia-Heldin Marlen Reusser: «Man kann nicht einfach auf eine Werteverschiebung hoffen»

Elias Baumgarten
11. November 2021
Foto © Joan Minder, 13 Photo

Radprofis können nur kräftig in die Pedale treten? Weit gefehlt. Marlen Reusser ist ein sehr politischer Mensch mit scharfem Auge für Ungerechtigkeiten. Mit uns hat sie über Sexismus, überkommene Rollenbilder, Konsum und die Klimakrise gesprochen.


Marlen, als Zaha Hadid, eine der erfolgreichsten und bekanntesten Architektinnen überhaupt, den Veuve Clicquot Business Award entgegennahm, macht sie sich in ihrer Dankesrede darüber Luft, dass Frauen zuweilen unterstellt wird, sie könnten nicht räumlich denken. Sie hatte es grundsätzlich nicht leicht: Je mehr Erfolg sie hatte, desto mehr wurde sie für die Szene zum Frustventil. Man ging mit ihren Bauten weitaus härter ins Gericht als sonst üblich.

Schade zu hören, dass solche Probleme auch in der Welt der Architektur noch zur Tagesordnung gehören. Leider kenne ich antiquierte Vorurteile auch aus dem Radsport. Zum Beispiel sagte einst ein Funktionär zu mir, eine Frau sei entweder hübsch und achte auf ihr Äusseres, dann könne sie aber kaum schnell Velo fahren. Oder sie sei erfolgreich, aber ein unansehnliches Mannweib. Immerhin werden direkte Angriffe weniger. Mittlerweile wissen wohl alle, dass man so etwas nicht sagen darf. Aber in vielen Köpfen spuken solche Vorstellungen weiter herum. Klar, man darf nie generalisieren: Ich habe viele Freunde, Männer wie Frauen, die den Frauenradsport feiern und Freude daran haben. Aber es gibt noch immer viele, bei denen merkt man genau, was sie von dir als Frau in diesem Sport halten; dass sie dich dulden, nicht respektieren.

Dabei sind eure Rennen attraktiv. Beim Radsportmonument Paris–Roubaix zum Beispiel, das vor wenigen Wochen erstmals auch als Frauenrennen ausgetragen wurde, boten die Fahrerinnen unter widrigsten Bedingungen und über völlig verschlammtes Kopfsteinpflaster ein grossartiges Velorennen mit Attacken, Gegenattacken, Leidenschaft und einer Soloflucht über 80 Kilometer, die man bei den Männern auf Jahrzehnte als heroische Leistung feiern würde.

Ich habe gerade das Buch «Die Rebellion der Alfonsina Strada» von Simona Baldelli gelesen, das ich wärmstens empfehle. Im Rahmen von «Zürich liest» durfte ich es mit der Autorin sowie Violanta von Salis, Wanda Wylowa und Laura Scuriatti besprechen. Dass Alfonsina überhaupt Radrennen fuhr, war damals schon unerhört. Als sie heiratete, hoffte ihre Familie, sie würde endlich zur Vernunft kommen. Doch ihr Mann, selbst Rennfahrer, unterstützte sie. Schliesslich nahm sie 1924 am Giro d’Italia teil. Das Verrückte: Alfonsina wurde 1891 geboren – genau 100 Jahre vor mir. Wir kämpfen immer noch mit denselben Problemen, wenn auch in anderem Ausmass: Ständig musste sie beweisen, dass eine Frau stark sein kann. Und heute? Du wirst als Radsportlerin permanent mit den Herren verglichen, und die Leute fragen, ob Frauen überhaupt Radrennen fahren können, geschweige denn attraktive. Vielleicht gibt es sogar Sportarten, die Frauen weniger liegen. Aber im Radsport machen mich solche Diskussionen wütend! Sie sind lächerlich. Es nervt! Wie du sagst, unsere Rennen sind mindestens genauso spannend; höchstens ein wenig langsamer. Trotzdem müssen wir ständig kämpfen – um Anerkennung, um Geld, um Sichtbarkeit und um gut organisierte Veranstaltungen.

Die Rebellion der Alfonsina Strada

Die Rebellion der Alfonsina Strada
Simona Baldelli
Übersetzt von Karin Diemerling

220 x 145 Millimeter
336 Seiten
ISBN 9783847900702
Eichborn
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Allerdings scheint es bergauf zu gehen: Die Tour de Suisse fand erstmals als Frauenrennen statt, Paris–Roubaix habe ich schon erwähnt. Und nächstes Jahr startet die Tour de France Femme.

Das stimmt, und ich freue mich riesig. Zugleich habe ich aber auch Angst: Viel hängt nun von der Übertragung im Fernsehen ab. Gelingt es nicht, Sichtbarkeit zu schaffen, werden die Veranstalter ihren Effort als Misserfolg ansehen und ihre Bemühungen wieder einstellen.

Hat sich für dich durch deinen grossen Erfolg und deine Olympiamedaille etwas verändert? Wird dir mehr Respekt entgegengebracht?

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in der Schweiz weniger respektiert werde, weil ich eine Frau bin. Individuen werden hierzulande unabhängig vom Geschlecht gefeiert. Aber weil eine einzelne Sportlerin interessant ist, gilt das längst nicht für ihre Sportart als Ganzes und damit für Kolleginnen. Zwar freuen sich die Leute über meine Leistungen, aber der Frauenradsport interessiert trotzdem nur wenige. 

Warum halten sich sexistische Stereotypen, Vorurteile und überkommene Rollenbilder so hartnäckig?

Wir leben in einer Kultur im Wandel, die immer noch relativ patriarchal ist: Der Mann ist stark und muss leisten, die Frau ist lieb, dient, sieht gut aus. Jetzt werden die meisten sofort sagen, das seien überholte Stereotypen. Aber nein, sie sind noch fest in unseren Köpfen verankert. Ich merke das an mir selbst: Ich habe sehr viele Bücher zum Thema gelesen und bin stark sensibilisiert, trotzdem denke ich in manchen Situationen in diesen Mustern. Wollen wir diese als Gesellschaft loswerden, reicht es nicht, sie rational falsch zu finden. Es ist unrealistisch, dass sich alle ständig selbst an der eigenen Nase packen und korrigieren. Eine neue Kultur muss sich installieren! Das geht nur durch Vorleben. 

Findest du dann beispielsweise eine Frauenquote einen guten Weg? Manche dürften dadurch ihre Vorurteile bestätigt sehen. 

Der Einwand stimmt. Trotzdem sind Quoten eine gute Sache – und zwar selbst dann, wenn sie für Unternehmen und Institutionen anstrengend sind und vielleicht anfangs sogar in Einzelfällen zu schlechteren Besetzungen führen. Alle müssen Stück für Stück als normal akzeptieren, dass zum Beispiel eine Frau genauso etwas zu sagen hat in einem Unternehmensvorstand wie ein Mann. Ich sage ganz bewusst alle, denn ich würde die Schuld an der jetzigen Situation nie den Herren zuschieben. Wie schon gesagt, wir stehen vor einem kulturellen Problem. 
Hinzu kommt, dass gerade für junge Frauen inspirierende Vorbilder wichtig sind. Sie müssen sehen, dass Frauen harten Sport machen, Mathematikerinnen oder Ökonominnen sind, Unternehmen führen und dergleichen mehr. Alle, Männer wie Frauen, sollten Frauen bewusst pushen, damit sich die Kultur verändern kann.

In der Praxis klappt das mit dem Pushen bisher allerdings nicht sonderlich gut. Im Architekturbereich werden die meisten Aktionen, die die Lage der Architektinnen verbessern sollen, von Frauen gemacht. Auch im Radsport sieht man selten, dass sich Rennfahrer für ihre Kolleginnen einsetzen. Dabei haben etliche Profimannschaften inzwischen gute Frauenteams, es sollte also ein Interesse daran geben, dass der Frauenradsport wächst.

Auch hier brauchen wir einen Kulturwandel. Aktuell sind wir in einem binären Denken gefangen. Wir fühlen uns beispielsweise zur Gruppe Mann oder zur Gruppe Frau zugehörig. Ausnahmen gibt es nur, wenn Leute persönlich betroffen sind. Zum Beispiel fordert der finnische Formel-1-Fahrer Valtteri Bottas mehr Geld für den Frauenradsport, investiert selbst in ihn und macht seinem Ärger öffentlich Luft – allerdings ist seine Partnerin auch die Velofahrerin Tiffany Cromwell. Viele, die emotional nicht so stark involviert sind, sind noch nicht so weit. Ich bin da anders: Ich finde, ich gehöre zur Gruppe Mensch! Für mich ist klar, dass ich meine Kollegen unterstütze, wenn es Probleme im Männerpeloton gibt. Auch Männer haben es aufgrund derselben überkommenen Rollenbilder nämlich nicht einfach. Alle würden profitieren, wenn wir daran arbeiten, dass alle dieselben Möglichkeiten zu den gleichen Bedingungen haben.

Foto © Joan Minder, 13 Photo

Du äusserst dich immer wieder öffentlich zu Missständen im Radsport. Zum Beispiel hast du in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung David Lappartient, den Präsidenten des Radsportweltverbandes (UCI), scharf angegriffen und ihm «beinahe mafiöses Verhalten» vorgeworfen. Ich finde das extrem mutig, zumal in einer Sportart, in der viele einen hohen Preis bezahlt haben, nachdem sie das System anprangerten. Hast du keine Angst?

Manchmal habe ich den Vorteil, dass mein Mundwerk schneller ist als mein Hirn. Im Ernst: Als ich das Interview zur Freigabe vorliegen hatte, habe ich mir genau überlegt, ob ich die Äusserung so stehen lasse. Ich habe keine Angst vor Benachteiligung oder einem Maulkorb, denn dann würde ich das erst recht an die grosse Glocke hängen. Tatsächlich reagierte Herr Lappartient überraschend positiv: Er hat mir eine E-Mail geschrieben und mich zum Gespräch eingeladen, nun liegt der Ball bei mir. Vielleicht sind wir so weit, dass man eine Frau mit einer lauten Stimmen nicht mehr einfach massregeln kann, sondern ihr zuhört.

Wie reagieren die anderen Fahrerinnen auf dein Engagement? Radrennfahrerinnen und -fahrer versuchen, ihr Körpergewicht extrem zu drücken, um ein möglichst günstiges Leistungsgewicht zu erzielen. Das ist ungesund und führt manchmal sogar zu Essstörungen. Du hast wegen einer Kollegin, von der du annimmst, dass sie unter Magersucht leidet, einen Brief an die UCI geschrieben und ein Eingreifen gefordert. An ihrer Stelle wäre ich darüber nicht unbedingt erfreut gewesen.

Halt, ich habe keine Namen genannt und niemand persönlich angeschwärzt! In meinem damaligen Team hatte die Hälfte der Fahrerinnen Probleme. 
Meine Kolleginnen wissen zwar grundsätzlich, dass ich ein sehr politischer Mensch bin, aber sie fragen mich selten danach. Es herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit. Ich weiss ja nicht, wie politisch du bist, aber die meisten Menschen sind grundsätzlich sehr träge. Sie wollen nicht gross über Missstände diskutieren, das interessiert sie nicht. Das gilt selbst für Personen, die in prekären Situationen leben und sehr kämpfen müssen. 

Diese Gleichgültigkeit wundert mich: Wenn man sich selbst nicht exponieren möchte, wärst du doch zumindest ein Sprachrohr. 

Das Tragische ist, dass viele Menschen Probleme noch nicht einmal erkennen. Eine Kollegin hat mich zum Beispiel gefragt: «Warum regst du dich so auf über unseren Lohn? Es geht ja.» Dabei hat sie selbst mir noch kurz vorher gesagt, sie überlege, mit dem Sport aufzuhören, weil sie ihn nicht finanzieren kann. Anders als ich hat sie keine Unterstützung von der Familie und muss ständig schauen, wie sie über die Runden kommt. Immer braucht sie andere, die sie durchfüttern. Man stelle sich vor, sie wollte ein normales Leben führen, vielleicht Kinder haben oder fürs Alter vorsorgen – keine Chance! Und dann findet sie, «es geht ja». Für mich ist das ein Schlüsselbeispiel: Viele kommen nicht auf die Idee, die äusseren Umstände anzuklagen, statt immer alles hinzunehmen. Strukturelle Probleme und Ungerechtigkeit erkennen sie nicht.

Warum äussern sich nur wenige Profisportler politisch?

Warum sollten sie? Wenn du keine politische Ader hast und nichts verändern möchtest, warum sollst du dich dann engagieren? Wenn du nichts zu sagen hast, hast du halt nichts zu sagen. Wenn du nichts Spezielles vorleben möchtest, dann zeigst du eben dein geiles Auto oder deine geilen Schuhe auf Instagram. 

Foto © Joan Minder, 13 Photo

Wieso, denkst du, sind wir so Konsum-fokussiert und schaffen es nicht, Genügsamkeit als Wert aufzufassen?

Das erklärt sich wohl einerseits über einen psychologischen Mechanismus: Wir vergleichen uns ständig mit anderen. Wir streben immer nach dem, was schwierig zu erreichen ist und wenige Menschen haben. Deshalb werden Reichtum und Konsum in unserer Gesellschaft immer erstrebenswert sein, das ändert sich vorläufig nicht. Der andere Punkt wird Bequemlichkeit sein. Wir greifen zu allem, was uns das Leben scheinbar erleichtert und merken nicht, dass wir mit Körper und Geist, aber auch die Umwelt indirekt dafür zahlen. 

Triste Aussichten, schliesslich trägt unser Konsumverhalten zum Beispiel wesentlich zur Klimakrise bei.

Man muss den Leuten etwas Freiheit wegnehmen. Wir brauchen strengere Regeln, was den Konsum angeht. Es sollte Limiten geben. Man kann nicht einfach auf eine Werteverschiebung hoffen. Sicher, kleine Veränderungen sind möglich, aber das reicht nicht, um die Klimakrise abzuwenden. Wir können lange schlau reden und an unserem persönlichen Verhalten arbeiten – da wird nichts wirklich Entscheidendes passieren. Ein gutes Beispiel ist der Konsum von biologischen Lebensmitteln. Wir denken in der Schweiz, wir seien da sehr weit, vorbildlich. Doch tatsächlich sind es nur sieben Prozent der Menschen, die hierzulande nachhaltig hergestellte Lebensmittel kaufen. Das ist eine privilegiere Elite, die das Geld hat; oder es sind Menschen, die es sich aus ideologischen Gründen dafür nehmen. Bei der Masse aber wird das von selber nie ankommen. Und darum bin ich für einen Eingriff in den Markt!

Also war das CO2-Gesetz, das ja an der Urne Schiffbruch erlitten hat, nicht gut genug durchgearbeitet und formuliert, aber von seiner Intention her richtig. 

Auf jeden Fall.

Du hast bereits als Teenager für die Jungen Grünen politisiert und bist eine charismatische, aufgestellte und mutige Person. Folgt auf die Velokarriere eine politische?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, es ist vieles möglich. Schon als Mädchen hatte ich ein Auge für Ungerechtigkeiten – zum Beispiel bei uns auf dem Hof den Tieren gegenüber. Mit der Ader bin ich dann aufs Gymnasium und habe im Geo- und Geschichtsunterricht erkannt, was los ist auf dieser Welt. Mich hat extrem schockiert, auf welchem Weg wir als Menschheit sind. Das hat mich sehr politisiert. Und da wollte ich mit viel jugendlichem Enthusiasmus einfach helfen, dass wir es besser machen. Nach ein paar Jahren war ich dann aber recht desillusioniert über politische Arbeit. Ich habe gelernt, wie extrem schwierig es ist, wirklich etwas zu verändern. Kurzum, ich weiss noch nicht, was nach dem Radsport kommt. Ich habe viele Ideen. Aber ich glaube, Architektin werde ich nicht mehr.

Danke für die offenen Worte. Schön, dass du deine Gedanken mit uns geteilt hast. Ich wünsche dir alles Gute für die nächste Saison. 

Marlen Reusser (*1991) hat Medizin studiert und bis 2019 als chirurgische Assistenzärztin gearbeitet. 2020 wurde sie Vizeweltmeisterin im Zeitfahren und errang Top-Ten-Plätze an den wichtigsten Strassenrennen im Frauenradsport wie Lüttich-Bastogne-Lüttich. In diesem Jahr gewann sie an den Olympischen Spielen von Tokio die Silbermedaille im Einzelzeitfahren und wurde in dieser Disziplin erneut Vizeweltmeisterin. Zudem gewann sie die Schweizer Meisterschaft sowohl im Zeitfahren als auch auf der Strasse und wurde Europameisterin im Einzelzeitfahren.

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