Auf der Felskante

Juho Nyberg
22. Oktober 2015
Archaische Komposition: Das Besucherzentrum Viamala. Alle Bilder: Laura Egger

Auf dem Weg durch die Viamala-Schlucht markiert eine Betonskulptur den Abstieg hinab zu den Gletschermühlen und dem wild rauschenden Hinterrhein.

Wer auf dem Weg nach Süden anstelle der hektischen Gotthardroute die San-Bernardino-Variante wählt, macht eine viel ursprünglichere Reise-Erfahrung. Die Strasse führt am Zusammenfluss von Hinter- und Vorderrhein bei Reichenau vorbei, durch das Domleschg und wird zusehends wilder, als würde sie von den Alpen unmerklich verschluckt. Beinahe unbemerkt sinkt die Reisegeschwindigkeit.
 
In der Talsohle vor Thusis bietet sich eine gute Gelegenheit für einen letzten Halt, bevor man die Kurven hoch zum San Bernardino oder zur Julierpasshöhe in Angriff nimmt. Die Thusner Architekten Ivano Iseppi und Stefan Kurath haben hier eine moderne Säumerstation errichtet. Archaisch in ihrer Form, verbindlich und solid in ihrer Materialisierung, lässt sie auf Anhieb erkennen, dass es ihren Erschaffern um grundsolides Handwerk geht. Als «Fenster zur Region» bietet der Innenraum statt der üblichen touristischen Fototapeten einen optischen Dialog mit der alpinen Landschaft an: Durch die grossen Fensterfronten gibt es Kühe beim Grasen und Bauern beim Heuen zu beobachten.

Bild: Laura Egger

Derart in Stimmung versetzt, lohnt es sich, bei der nächsten Ausfahrt von der Autobahn auf die alte Landstrasse zu wechseln, die sich durch zuweilen kaum erkennbare Spalten und Furchen ins Gebirgsmassiv hineinschlängelt. Schon wenige Kurven nach der Abfahrt von der Autobahn klammert sich fürs Auge überraschend eine mehrfach gefaltete Betonskulptur an den felsigen Strassenrand. Auf den ersten Blick könnte man das Bauwerk für einen auf die Seite geschobenen Tunnel halten. Doch der kargen, zweckmässigen Betonschale steht das warme Leuchten aus dem Inneren dieses bizarren Bauwerks entgegen. Denn trotz der bis auf ein Bandfenster vollständig geschlossenen Front zur Strasse hin wirkt das Zentrum mitnichten abweisend. Die beiden Enden des Baus sind vollständig offen, wodurch die helle, hölzerne Auskleidung des Innenraums schon von weitem seine einladende Atmosphäre nach aussen zu strahlen vermag. Als halb geöffnete Schale gliedert sich südlich, leicht abgeknickt, die Terrasse an das Besucherzentrum und bietet jenen, denen der Abstieg in die Schlucht zu beschwerlich ist, eine Alternative. Das Geländer wird aus vertikalen Stahllamellen geformt, die je nach Blickwinkel miteinander verschmelzen, oder beinahe verschwinden. Zusammen mit dem verwendeten Holz und Beton bildet der Rohstahl das Vokabular von Materialien, die in ihrer Rohheit der Umgebung ihre Reverenz erweisen und in ihren Grundformen auch in der Region anzutreffen sind.

Bild: Laura Egger

Die Sehenswürdigkeit an diesem Ort wurde bereits vor über hundert Jahren erschlossen: die Viamala-Schlucht. Über Jahrhunderte als nur mühsam zu überwindendes Hindernis zu ihrem Namen gekommen, verlor sie dank steten Verbesserungen von Brücken und Strassen ihren Schrecken, bis schliesslich 1903 die Schlucht mit einer eigens angelegten Treppenanlage als touristische Attraktion inszeniert wurde. Es ist bis heute ein umwerfendes Naturspektakel, auf dem steilen Treppenpfad in die Tiefen des Gesteins abzusteigen und den kalten Hinterrhein rauschen zu hören.
 
Die historische Strasse durch die Viamala-Schlucht hat ihren Ursprung in einem Saumpfad aus der Römerzeit und war als Zugang zum Splügenpass und zum San-Bernardino-Pass über viele Jahrhunderte hinweg ein wichtiger, aber gefährlicher Verkehrsweg in den Süden. Eine Tafel mit einer lebensgrossen Menschengruppe auf der anderen Seite der Schlucht deutet den ehemaligen Verlauf des Saumpfades an und zeigt, mit welchen Schwierigkeiten die Reisenden damals zu kämpfen hatten.
 
Der Ausbau der Strecke zwischen 1821 und 1823 kostete viele Menschenleben und inspirierte Bücher und Filme; der Strassenverlauf ist bis heute weitgehend gleich geblieben. Mit der fortschreitenden Ingenieurskunst und dem Ausbau des Strassennetzes – zunächst auf der San-Bernardino-Strecke, später mit der Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels – geriet die Viamala zunehmend ins Abseits. Um das touristische Potenzial nicht ganz einschlummern zu lassen, liess die Betreibergesellschaft zum Ende des vergangenen Jahrhunderts mehrere Studien zur Aufwertung der Anlage erarbeiten, von denen jedoch keine umgesetzt wurde.

Einen neuen Ansatz wählte die Gesellschaft zehn Jahre später, als sie sich an das Thusner Architekturbüro Iseppi/Kurath wandte, um mögliche Szenarien für die Viamala aufzuzeigen. Anhand der erarbeiteten Varianten, die sich von einer Reduktion des Angebotes bis hin zu einem Ausbau der Anlagen spannten, wurde gemeinsam über die Zukunft des Betriebs entschieden und «über das Gespräch zum Guten» gewendet, wie Stefan Kurath es formuliert. Entgegen den vorangegangenen Studien nahm man sich diesmal viel Zeit, um zu einem gemeinsam gefassten Ergebnis zu kommen. Die bestehende Grösse wurde als richtig für das Gleichgewicht zwischen Tourismus und Natur erachtet und sollte die Basis für die weitere Entwicklung bilden. Die Architekten beabsichtigten, einen selbstverständlich wirkenden, nicht mit der Umgebung konkurrierenden Baukörper zu entwickeln – ein Ansatz, der bereits 2008 bei der Raststätte in der Talsohle für Erfolg und Aufsehen gesorgt hatte.

Bild: Laura Egger

Ähnlich pragmatisch-zurückhaltend ist das Besucherzentrum Viamala nach ihren Plänen geworden. Die präzis geschaffene Form mit ihren scharfen Kanten und glatten Flächen als Manifest des heute Machbaren bildet ein starkes Gegengewicht zur Schroffheit der felsigen Umgebung, irgendwo dazwischen liegen die bereits verwitterten Betonbauten der Galerien und Tunneleinfahrten. Eine gewisse Verwandtschaft zwischen diesen und dem Besucherzentrum ist jedoch nicht eine banale formale Anlehnung oder gar Imitation. Sie ergibt sich einerseits aus einzuhaltenden Vorschriften, das Bauwerk gegen möglichen Steinschlag zu schützen, andererseits besteht das Gemeinsame in der Zweckmässigkeit, die die von den Architekten angestrebte Zurückhaltung und Einbettung unterstreicht.

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