Leuchtende Waben

Juho Nyberg
17. Januar 2019
Eindrückliche Leichtigkeit: Lichtwolke im Foyer des Stadttheater Ingolstadt

Mit dem Entwurf einer konstruktiv-poetischen Lichtstruktur schafft es Robert Haussmann in den 1960er Jahren, die zeitgenössischen Ansprüche an einen neuen Umgang mit Beleuchtung zu erfüllen, ohne der Kreativität Grenzen zu setzen.

Licht und Architektur sind ein untrennbares Paar. Als «lapidare Tatsache» wird diese unauflösliche Liaison 1966 in der Schweizer Zeitschrift für moderne Raumgestaltung INTERIEUR bezeichnet. Ein «entscheidender Faktor jeder plastisch-räumlichen Gestaltung» sei der Lichteinfall – womit allerdings bereits ein etwas präziseres Bild evoziert wird, nämlich das des Einfallens in ein Gebilde, einen Raum allenfalls. Dem historisch kontextualisierten Tageslichtbezug hält die Zeitschrift sogleich ganz im Sinne des Anspruchs moderner Raumgestaltung die künstliche Beleuchtung entgegen. Denn diese künstliche Beleuchtung fordere vom Architekten eine «grundsätzliche Stellungnahme zur Beleuchtungstechnik»: eine zeitgenössische Herausforderung, die es zu meistern gilt! Die «Ratlosigkeit im Falle eines Wohnraumes kann immerhin mit einer unverbindlichen Steckdose überwunden werden», konstatiert das Heft lakonisch. Die wirkliche Aufgabe stelle sich erst bei grossen, repräsentativen Räumen. Hier träfe man bedauerlicherweise die «verlegensten und banalsten Beleuchtungen» an. Die modernen Möglichkeiten, die dem Gestalter zur Verfügung stünden, würden nur teilweise ausgeschöpft.

Technisch oder emotional?
Um die zeitgenössischen und unscheinbaren Mittel zu raffiniertesten Leuchten zu veredeln, bedarf es der Hände schöpferischer Designer. Durch ihre Interpretation kann die Leuchte über ihren reinen Gebrauchszweck hinaus entwickelt werden als «dekoratives, plastisches Gebilde». Indes sind hier zwei entgegengesetzte Haltungen auszumachen, nämlich eine eher technische, formale und eine «dekorativ-emotionelle». Zu letzterer zählt das Magazin Verner Pantons Lampen-Mobiles aus Muschelplättchen. Die wahre Faszination der Zeitschrift für moderne Raumgestaltung sprüht jedoch spürbar für die Vertreter der anderen Haltung, der technischen, modernen, nicht-verspielten. Der gesamte Text liest sich so weit wie eine Einführung in die Welt der modularen Beleuchtungskörper Robert Haussmanns.

Freundschaftliche Beziehung
Der Zürcher Heinrich Eichmann tritt mit 22 Jahren 1937 der Künstlergruppe Allianz bei. Der gelernte Flachmaler besucht während der Lehre gleichzeitig die Zürcher Kunstgewerbeschule und schafft sich so sein künstlerisches Rüstzeug. Während seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Gipser- und Malergenossenschaft in den 1950er- und 60er Jahren kreuzen sich seine und Robert Haussmanns Wege, es entsteht eine Freundschaft. Ab 1964 arbeitet Eichmann als freischaffender Künstler und entwickelt eine Technik, Blattgold direkt auf Betonoberflächen applizieren zu können – dies als wohl erster Künstler überhaupt. Unter anderem schafft er ein Wandbild für das neue Stadttheater Ingolstadt.
 
Bei dieser Gelegenheit schlägt Eichmann seinen Freund Haussmann für die Gestaltung der Möblierung und Beleuchtung des Foyers vor. Der zeitgenössisch brutalistischen Architektur des Architektenpaars Hardt-Waltherr und Marie-Brigitte Hämer setzt Robert Haussmann als Leuchtmittel eine glitzernde Wolke entgegen, ätherisch und leicht. «Eine Antwort in Licht auf den brutalen Beton», wie Robert Haussmann es selber ausdrückt. Hieraus geht schon hervor, dass es ihm um das Licht per se geht, viel mehr, als um die Leuchte, deren Modularität die Einfachheit der Grundstruktur lässig überspielt.

Neben den Leuchten im Stadttheater Ingolstadt entwarf Robert Haussmann auch die organischen Sitzmöbel im Foyer.

Waben zu Wolken
Die Leuchte besteht aus horizontal aneinander gesetzten Sechsecken, wie Bienenwaben. Diese flächige Anordnung von Hexagonen lässt sich vertikal beliebig vervielfachen, wobei jede Ebene wiederum für sich eine individuelle Ausdehnung erlangen kann. Miteinander sind die einzelnen «Wolkenschichten» jeweils an den Punkten vertikal verbunden, an denen je drei Waben einer Ebene zusammenstossen. Konstruktiv gelöst ist dies mit einem Knoten aus schwarzem Kunststoff. Dazwischen polierte Aluminiumrohre als Verbindungen in alle Richtungen, beziehungsweise zwischen den Knoten und den peripheren Lampen, die von Philips eigens für Ingolstadt hergestellt wurden: eine 5-Watt-Glühlampe. Da es beim Knoten keine Ausnahmen gibt, bündelt jede aussenliegende Ecke eines Sechsecks jeweils gleich drei Lampen. Bereits eine einzige Wolke schafft so schon drei Ebenen von Lichtquellen, mit der Überlagerung mit zusätzlichen Wolken verschwindet die Klarheit der Struktur immer weiter hinter dem Gewimmel, und das Licht als solches gewinnt die Überhand – ganz, wie von Haussmann gewollt.
 
«Das Licht muss etwas anderes sein, als die Architektur», so Haussmanns Anspruch an seine Konstruktion, womit er auch die eingangs erwähnte Forderung der Zeitschrift INTERIEUR nach einer «grundsätzlichen Stellungnahme zur Beleuchtungstechnik» zweifellos erfüllt – jedoch nicht in der strengen, nüchternen Art, wie es der Unterton des Artikels fordert, indem es die «grundsätzliche Haltung zwischen Gebrauchsfunktion und sentimentaler Absicht» als eigentliche Problematik darstellt. Robert Haussmann erwähnt im Gespräch ausdrücklich den aleatorischen Ansatz des Entwurfs, der dem Zufall genügend Raum gibt, denn: «Ganz wüst kann es nicht herauskommen», ist Haussmann überzeugt. Die Spannung der Konstruktion entsteht aus dem Spannungsfeld der grundlegenden Gesetzmässigkeiten und der Freiheit, damit spielen zu können. So sind auch die Längen der Aluminiumröhren gemäss Haussmann nicht festgelegt, sondern können von Fall zu Fall durchaus variieren, so dass grössere oder kleinere Sechsecke und Abstände der einzelnen Ebenen zueinander entstehen.

Nicht im Sinne des Erfinders: Katalog von Swisslamps International mit der C300 getauften Leuchte.

Abwandlungen für den Hausgebrauch
Die Modularität der Leuchte lässt zahllose Variationen zu, und so entstanden im Vertrieb von Swisslamps International neben den grossen, raumgreifenden Strukturen eben auch handlichere, die sich für Wohnräume eignen, zuletzt sogar Wand- und Stehleuchten. Illustriert mit den grossen und grossartigen Wolken in den Foyers des Stadttheaters Ingolstadt oder der Stadthalle in Esslingen, preist der Katalog von damals die Lichtstruktur Haussmanns an. Für den Hausgebrauch stehen dann bedarfsoptimierte, vorkonfektionierte Leuchten: vom grossen Lüster «für Festsäle (…), Theater (…) und grosse Privathäuser» über Leuchter in verschiedenen Grössen – auch für besonders niedrige Wohnräume – und Wandlampen bis hin zu Tisch- und Ständerlampen. Von diesen Derivaten wusste Robert Haussmann zunächst gar nichts. «Ich fand das nicht so toll und habe das auch zum Ausdruck gebracht», so Haussmann. Doch waren die Leuchten bereits produziert und «der Zug war abgefahren». Dies alles hält der Designer jedoch entspannt und mit einer grossen Heiterkeit im Gespräch fest. So ist denn auch die Bemerkung zu verstehen, dass mit der von ihm erdachten Struktur «wahrscheinlich auch Unfug» getrieben worden sei.
 
Eine Serienproduktion sei beim Entwurf der Leuchtenstruktur nicht im Vordergrund gestanden, viel mehr sei es darum gegangen, «Aufgaben zu lösen», wie Haussmann ausführt. Die erfrischende selbstironische Distanz zu seinem Entwurf manifestiert sich etwa auch darin, dass Trix und Robert Haussmann für ihr Ferienhaus eine Art Readymade der eleganten Lichtwolken gebaut haben – allerdings aus normalen, im Handel erhältlichen schwarzen Kunststoff-Lampenfassungen, die sich ineinander verschrauben lassen. Anstelle der grossen Glaskugeln wurde das Readymade mit den gerade vorhandenen Glühbirnen bestückt, auch mit bunten. Fällt eine aus, wird die nächste greifbare als Ersatz in den Leuchter geschraubt. Ein Objekt in stetem Wandel.


Das Buch zum Thema: Trix und Robert Haussmann - Protagonisten der Schweizer Wohnkultur
Der vorliegende Text stammt als Vorabzug aus der ausführlichen Monografie über Trix und Robert Haussmann, mit zahlreichen weiteren Beiträgen, u.a. von Arthur Rüegg, Claude Lichtenstein, Meret Ernst, Renate Menzi, Michael Hanak, Judith Raeber, Stefan Zwicky, Joan Billing und Samuel Eberli. Das Buch erscheint 2019 im Verlag Scheidegger & Spiess. Weiterführende Informationen zum Buch wie auch zum Werk von Trix und Robert Haussmann sind auf der dazu gehörigen Webseite zu finden.

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Kunik de Morsier

Audemars Piguet Watch Manufacture

Andere Artikel in dieser Kategorie