Hommage an Aurelio Galfetti

Elias Baumgarten
6. Januar 2022
Foto: Elias Baumgarten

Trotz seiner enormen Bedeutung für die Schweizer Architektur gibt es nur wenige Publikationen über Aurelio Galfetti. In einem neuen Buch wird seine Haltung an Schlüsselbauten erörtert.

«La perfezione è qualcosa che sfugge continuamente, come la conoscenza. Ogni volta che mi avvicino, cambia. Non raggiungerò mai il mio ‹ideale›: quando gli sono vicino, ricomincio daccapo.»

Aurelio Galfetti

Aurelio Galfetti war einer der wichtigsten Schweizer Architekten der letzten Jahrzehnte, wenn nicht überhaupt. Doch Publikationen über seine Arbeit gibt es trotzdem nur wenige. Das mag daran liegen, dass er immer bescheiden war und stets in seine Arbeit vertieft. Lio war keine so extrovertierte Persönlichkeit wie sein Weggefährte und Freund Mario Botta, der sich gerne ausführlich äussert; er stand nicht derart im Rampenlicht wie Luigi Snozzi. Mit «Aurelio Galfetti. Costruire lo spazio» ist nun ein Buch erschienen, das seine architektonische Haltung ausführlich erklärt und würdigt: Franz Graf, Nicola Navone und Laurent Stalder vermitteln Galfettis Positionen in drei Essays anhand von ausgewählten Schlüsselprojekten wie der Nuova Villa Ortensia des psychiatrischen Spitals von Mendrisio, den Wohnhäusern Bianco und Nero in Bellinzona und dem grossen Kreisverkehr, den der Tessiner in Locarno gestaltet hat und der einen besonders während des Film Festivals rege genutzten Platz umschliesst. 

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Ein wunderbares Interview verschafft exklusive Einblicke

Abgerundet wird das Buch durch ein Interview, das Francesca Albani im Juli 2019 mit Galfetti geführt hat. Dieser Beitrag ist vergleichsweise kurz, liefert aber viele Informationen und spannende Anekdoten. Galfetti erklärt die in den Essays besprochenen Bauten, spricht über den Aufbau der Accademia und die Tessiner Architekturszene. Er erörtert, wie sich der Architektenberuf über die Jahre verändert hat und wie schwer es Architekturschaffende heute aufgrund von überbordenden Normen und grossem Zeitdruck haben. Auch erinnert er sich an die Zusammenarbeit mit seinen Bauherrschaften, die er stets als wichtige Partner auf Augenhöhe ansah, und jene mit den anderen wichtigen Tessiner Architekten seiner Generation. Er erzählt, wie schwierig die Kooperation mit Livio Vacchini war, weil der oft nicht zuhören wollte. Und Snozzi und er hätten sich sogar, ging es um Architektur, gar nie verstanden, weshalb sie schliesslich auch kein einziges gemeinsames Projekt zu Ende brachten. 

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Eine klare Empfehlung, doch kein ungetrübtes Lesevergnügen

Das Buch ist zweisprachig: Die lesenswerten Texte sind sowohl in englischer als auch in italienischer Sprache abgedruckt. Ergänzt werden sie durch viele prächtige Fotos, Pläne und Zeichnungen. «Costruire lo spazio» gehört aufgrund von Galfettis Relevanz für die Schweizer Architektur und die enorme Qualität der gezeigten Arbeiten in jede Bibliothek. Schade ist allerdings, dass bei der Ausgestaltung der Schnauf ausgegangen ist. Bei den Satzzeichen gibt es etliche Fehler. In den Texten findet sich zum Beispiel ein Durcheinander aller möglicher Anführungszeichen, und statt Gedankenstrichen wurden immer wieder Bindestriche verwendet. Diese Hudelei trübt die Freude an dem sonst sehr gelungenen Buch. 

Foto: Elias Baumgarten
Aurelio Galfetti. Costruire lo spazio

Aurelio Galfetti. Costruire lo spazio
Franz Graf
Mit Texten von Francesca Albani, Nicola Navone und Laurent Stalder

240 x 280 Millimeter
160 Seiten
128 Illustrationen
ISBN 9788836648689
Mendrisio Academy Press, Silvana Editoriale
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Aurelio Galfetti ist vor wenigen Wochen verstorben. Lesen Sie einen ausführlichen Nachruf auf den herausragenden Architekten, beliebten Lehrer und bescheidenen Menschen.

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