Verdiente Auszeichnung: Friedrich-Kiesler-Preis für Theaster Gates

Manuel Pestalozzi
17. September 2021
Theaster Gates nutzt Architektur und Kunst, um politische Ziele zu verfolgen. Hinter seinen Projekten stehen soziale Anliegen. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Theaster Gates)

Der politische Künstler und Architekt darf sich als zwölfter Preisträger unter berühmte Kollegen einreihen. Mit der Ehrung wird das beharrliche Engagement des Amerikaners gewürdigt.

Seit Ende der 1990er-Jahre verleiht in Österreich die Friedrich Kiesler Stiftung den Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst. Die Auszeichnung war damals auf den ausdrücklichen Wunsch von Kieslers Frau Lillian hin geschaffen worden. Alle zwei Jahre wird sie alternierend von der Republik Österreich und der Stadt Wien verliehen. Sie ist mit 55000 Euro dotiert.

Nun ist der zwölfte Preisträger bekannt: Theaster Gates aus Chicago. Der 1973 geborene Künstler hat ein sehr vielfältiges Werk vorzuweisen, immer jedoch verfolgt er mit seinen Arbeiten soziale Anliegen. Gates’ bisheriger Lebenslauf liest sich spannend: Der Sohn eines Dachdeckers und einer Lehrerin war schon früh in Stadtteilgruppen und im Gospelchor der Baptistengemeinde seiner Eltern aktiv. Er studierte unter anderem Stadtplanung, Kunst und Religion. Und er hat die Welt gesehen: Gates lebte schon in Japan und Südafrika. Nach seinen Studien entwickelte er rasch einen sozial-aktivistischen Ansatz. Er gleiste Ausstellungen auf, veranstaltete Performances und Filmvorführungen und bot Töpferkurse an. Spätestens im Jahr 2009 dann erlangte er internationale Bekanntheit, weil er die Rebuild Foundation gründete, eine Non-Profit-Organisation, die Industrieruinen vor allem in Chicagos South Side reaktiviert. Seine aussergewöhnlichen Leistungen liessen sich, so begründet die Friedrich Kiesler Stiftung indes ihre Entscheidung, mühelos mit Kieslers künstlerischen Konzepten und seiner experimentellen Haltung in Verbindung bringen. Denn beide hätten eine sozialen Vorstellung von Raum.

Im Rahmen seiner Dorchester Projects verwandelt Theaster Gates mit seinem Team in Chicago verlassene, oft heruntergekommene Gebäude in Plattformen für Kunst und Kultur. (Foto: Sara Pooley, mit freundlicher Genehmigung der Rebuild Foundation)
«Mit Theaster Gates würdigt die Kiesler-Preis-Jury einen Konzeptkünstler, der nicht innerhalb des etablierten Systems der Architektur und der Kunstwelt agiert, sondern durch eine sehr ungewöhnliche und eigenwillige Praxis zu Handlungsmacht gefunden hat. Das wichtigste Ziel seiner Arbeit ist sozialer Wandel, räumliche Transformation und Ermächtigung. Indem er seine Arbeit sowohl mit einem beeindruckenden ästhetischen Wert als auch mit einer sozialen Agenda ausstattet, hat er für die heutige Architektur eine sinnstiftende Rolle gefunden. So verbindet er die historische Position Friedrich Kieslers mit den drängenden Fragen unserer Zeit.»

Elizabeth Diller, Bettina Götz, Dominique Gonzalez-Foerster, Anab Jain und Wolfgang Tschapeller

Mit seiner eben erwähnten Rebuild Foundation bringt der Amerikaner die Arbeit am kulturgeschichtlichen Erbe mit dem Aufbau einer starken Gemeinschaft zusammen. Er nimmt sich Ruinen an und entwickelt aus ihnen etwas Neues. Die Stiftung zeigt sich begeistert von seinem Umgang mit Materialien in diesem Zusammenhang, von seinem Gespür für Räume und seiner Fähigkeit, Orten durch neue Aktivitäten wieder Leben einzuhauchen. Wunderbar sind sein Blick für das grosse Ganze einerseits und seine Liebe zum Detail andererseits. Gates nutzt seine inzwischen sehr starke Position in der Kunstwelt und als Akademiker, um geschickt Fördermittel zu akquirieren und zu forschen. Seine guten Verbindungen zur Politik helfen ihm zusätzlich dabei, positive Veränderungen anzustossen. Er vereine in sich, lobt die Stiftung, Kunstfertigkeit, architektonisches Talent und uneigennützigen Unternehmergeist – vor allem aber sei er jemand, der Probleme erkenne, Herausforderungen mutig annehme und einen gesellschaftlichen und urbanen Wandel bewirke.

Gates darf sich mit der Ehrung unter illustre Kollegen einreihen. So ging der Friedrich-Kiesler-Preis beispielsweise schon an Frank O. Gehry (1998), Olafur Eliasson (2006), Toyo Ito (2008) oder Yona Friedman (2018), um nur einige zu nennen. Die feierliche Preisverleihung soll im Spätherbst durch Veronica Kaup-Hasler, Wiens Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, vorgenommen werden – wenn die epidemische Lage es freilich erlaubt. Voriges Jahr musste die Ehrung noch Corona-bedingt ausfallen.

Theaster Gates, Black Vessel for a Saint, Minneapolis, 2017 (Foto: Gene Pittman, mit freundlicher Genehmigung des Walker Art Center, Minneapolis)

Theaster Gates erhält die Auszeichnung verdient für seine hervorragenden Leistungen und seine bewundernswerte Haltung. Sicher nicht ist diese Wahl also ein politischer Entscheid. Dennoch ist sie auch ein schönes Signal in Sachen Diversity. 

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