Die stille Kraft

Juho Nyberg
29. Januar 2015
Aktueller Masterplan des World of Sports in Herzogenaurach. Grafik via agps

Öffentlichkeitswirksame Auftritte von Architekturbüros lassen sich mit ikonenhaften Gebäuden leicht erzielen. Museen oder Konzertsäle sind hierfür besonders geeignete Objekte, deren Glanz den jeweiligen Ort in bestes Licht rücken soll.

Sofern es sich nicht schon um eine Metropole handelt, so soll das Bauwerk dem Ort Bedeutung verleihen, Standortmarketing genannt. Auch für Unternehmen ist die Architektur ein Marketinginstrument. Aufwendige Konstruktionen repräsentieren den Anspruch der Unternehmen auf Innovationsstärke, gläserne Fassaden werden gerne als Sinnbild für Transparenz verkauft. Ja, selbst die Form des Gebäudes lässt sich interpretieren, wie die Diskussion um den von Foster + Partners geplanten Hauptsitz von Apple belegt: ist die kreisrunde Form zukunftsweisend oder nur eine Referenz auf die Corporate Architecture der 1960er und 1970er Jahre?
 
Doch über die Wahl der Architektur hinaus kann ein Unternehmen auch mit der Wahl seines Standortes eine Aussage treffen. Adidas, zweitgrösster Sportartikelhersteller weltweit, wurde 1949 in der fränkischen Provinz in Herzogenaurach von Adolf «Adi» Dassler gegründet. Am selben Ort hatte die US-Armee den Fliegerhorst der deutschen Streitkräfte nach Ende des zweiten Weltkriegs übernommen und bis zur Auflösung 1992 weiter betrieben.
 
Sechs Jahre später erwarb Adidas das grosse Gelände, um darauf seinen globalen Firmenhauptsitz zu erstellen. Im darauf folgenden Jahr wurde der Wettbewerb für den Masterplan des rund 163 ha umfassenden Areals ausgelobt, bei dem sich das Zürcher Architekturbüro agps architecture gegen namhafte internationale Konkurrenz – unter anderen MVRDV, Morphosis und Kees Christiaanse – durchsetzen konnte. Als Neubauten waren Verwaltungsgebäude, eine Wohnsiedlung und Gewerbeflächen einzuplanen, darüber hinaus einige bestehende Gebäude zu integrieren (darunter eine Kaserne aus den 1930er Jahren).

15 Jahre Arbeit: Entwicklungsstufen des Masterplans. Bild via agps

Die betriebliche Entwicklung von Adidas führte in Folge zu einer Überarbeitung des Masterplans, der seither laufend neuen Anforderungen angepasst wird. Übergeordnete Leitideen bleiben die Anlage als offenes Campusgelände mit parkartigen Freiräumen und das gestalterische Gesamtkonzept, dessen Rahmenbedingungen genügend Offenheit ausweisen, um auf zukünftige Entwicklungen angemessen reagieren zu können.
 
In welcher Weise sich das Unternehmen entwickelt, zeigt sich an den in den letzten Jahren realisierten Bauten und den aktuellen Wettbewerben. Als erster Neubau nach den Grundsätzen des Masterplans auf dem Gelände entstand 2005 der Adi-Dassler-Sportplatz nach dem Entwurf von agps architecture. Die Leitlinien des Masterplans lassen sich schon an diesem verhältnismässig bescheidenen Bau ablesen: Die Betriebs- und Garderobenräume sind in die Landschaft integriert und treten nur als Erdwall und Tribüne in Erscheinung. Den Wettbewerb für das ADBC (Adi Dassler Brand Center) konnte das Wiener Büro querkraft architekten für sich entscheiden. Ihr 2006 vollendeter Entwurf tritt als schwarzer Glaskubus in Erscheinung, dessen Kernstück eine 5'000 m2 grosse Veranstaltungshalle mit einer 150 Meter langen Videoprojektionswand ist.
 
Als Gegenstück, das mit dem ADBC in Dialog tritt, versteht sich das Forschungs- und Entwicklungsgebäude «Laces» des Aachener Büros kadawittfeldarchitektur. Das 2011 erstellte Gebäude scheint auf seinem Sockel zu schweben und deutet mit seinen umlaufenden Bandfenstern die bekannten drei Adidas-Streifen an. Namensgebend für das Gebäude sind die kreuzweise durch das Atrium verlaufenden Passarellen, die im Grundriss die Form der Schnürung eines Sportschuhs zitieren.

Umkleideräume für Velofahrer bietet das neue Parkhaus. Bild: Brigida Gonzalez

Da mit der Fertigstellung von «Laces» 1'700 neue Arbeitsplätze auf dem Areal entstehen, reichen die vorhandenen Parkplätze nicht mehr aus. Bereits vor der Fertigstellung wurde daher das Zürcher Büro agps architecture mit der Planung und Realisierung eines Parkhauses beauftragt. Das im April letzten Jahres eröffnete sechsgeschossige Parkhaus bietet neben rund 1'500 Autoplätzen auch rund 100 Velos eine Einstellmöglichkeit – mit angegliederten Umkleideräumen. Gleich nebenan entsteht ebenfalls nach den Plänen von agps architecture ein hybrides Gebäude, das eine Kindertagesstätte und ein Gym unter einem Dach vereint. Das Zusammenführen der beiden Funktionen lässt ein Gebäude entstehen, dass so genügend gross ist, um im Kontext der Bauten auf dem Areal bestehen zu können. Dennoch wurde auf eine Unterscheidbarkeit der unterschiedlichen Funktionen Wert gelegt und die Fassade entsprechend gestaltet.

Hybride Nutzung im KiTa&Gym Bild: Brigida Gonzalez

Mit dem Ensemble dieser zwei Bauten wird das Areal nach Nordosten hin abgeschlossen. Derweil wurden per Ende 2014 drei weitere Wettbewerbe entschieden, deren siegreiche Projekte weiter das architektonische Profil der Anlage schärfen werden. Unter dem Titel «Stage V» wurden gleich zwei Bürogebäude (im Westen und Südosten des Areals) gekürt. Das Projekt von MGF Architekten aus Stuttgart schmiegt sich flach in die Landschaft, wo ein Hain westlich des alten kammartigen Kasernengebäudes schon die Arealgrenze markiert.
 
Dagegen teilt sich der Bürobau von Behnisch Architekten in zwei Teile auf: Einerseits in einen Sockel, der als modellierte Landschaft in Erscheinung tritt und leicht verständlich als öffentliche Zone gedacht ist. Andererseits darüber aufgestelzt ein dreigeschossiger Körper, der scheinbar keine Verbindung zum Terrain hat, formal an ein Nest erinnert und derart behütet in sich die Büroflächen birgt.

COBEs siegreicher Entwurf für den Konferenz- und Restaurationspavillon. Bild via COBE

Den dritten Wettbewerb konnte das dänisch-deutsche Büro COBE (für Copehagen/Berlin) gewinnen. Ihr Vorschlag für ein Konferenz- und Restaurantgebäude lässt an die leichte Pavillonarchitektur der 1970er Jahre denken. Der strikten Geometrie des geschlitzten Daches und des rautenförmigen Fussabdrucks stehen die leichten Dellen und Knicke des Dachs  gegenüber.

Allen Gebäuden gemeinsam ist, dass sie die Eigenständigkeit besitzen, die bereits im ersten Masterplan durch die Skulpturen des Zürcher Künstlers Marco Ganz als Platzhalter für die Gebäude angedeutet wurden. Die Individualität wird gewissermassen zum gemeinsamen Nenner und sie darf als Stärke der gesamten Anlage gesehen werden. Neben den gelungenen Entwürfen sind für diese Stärke zweifellos auch die Philosophie des Unternehmens Adidas und die gute Kuratierung der Wettbewerbe verantwortlich. Mit dieser Vielfalt an Architektur könnte sich Herzogenaurach ohne weiteres zu einem Hotspot für Architekturinteressierte entwickeln, ähnlich wie Weil am Rhein, auch wenn die Nähe von Produkt und Architektur nicht so offensichtlich ist.

Die Geschichte der «Adidas World of Sports» ist seit dem wegweisenden Entscheid des Unternehmens für den Standort in der fränkischen Provinz schon über 15 Jahre alt. Während dieser ganzen Zeit hat agps architecture an der Entwicklung teilgenommen – in erster Linie durch den kontinuierliche Anpassung und Ergänzung des Masterplans, gebaute Objekte oder Einsitz in Preisgerichten. In Anbetracht dieser Kontinuität und Vielfalt der Mitgestaltung kann es nur als erstaunlich bezeichnet werden, wie wenig von dieser stillen Kraft hierzulande zur Kenntnis genommen worden ist.

Doch vielleicht wird es etwas lauter wird um das Schaffen des Zürcher Büros, hat agps architecture es doch geschafft, aus dem grössten Teilnehmerfeld eines offenen Architekturwettbewerbs aller Zeiten – jenem zum Guggenheim Helsinki – mit immerhin 1715 Eingaben, als einer von sechs Finalisten hervorzugehen. Davon war kaum etwas in der Schweizer Presse zu lesen, obwohl das mit Fug und Recht als Sensation bezeichnet werden kann, wie wir gefunden haben. Die weitere Entwicklung des Wettbewerbs verfolgen wir mit grossem Interesse und gedrückten Daumen. Vielleicht gelingt es ja agps architecture, zu gewinnen und damit die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit endlich auf sich zu lenken – sofern sie das wollen.

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