Künstlerburg

Juho Nyberg
29. Juni 2017
Kunst und Architektur vereint im Haus Liesch. Bild: jn

Mitten unter Jugendstilvillen steht in Zürich eine Komposition aus Beton und Holz, entworfen vom Architekten Andres Liesch.

Die sonnigen Hänge des Zürichbergs sind mit prächtigen Gebäuden aus allen Epochen überbaut. Bei einem Spaziergang zwischen Rigiblick und Sonnenberg kann man sich gut ein Bild der architektonischen Entwicklung der vergangenen zwei Jahrhunderte in Zürich machen. Von Jugendstilvillen bis in die Gegenwart finden sich verschiedenste Bauten. Aus jüngerer Zeit auch bekannte, unweit des Toblerplatzes etwa jene von Christian Kerez, deren statisches System aus Betonplatten besteht und dies auch stolz nach aussen zeigt, wofür sie mit dem Betonpreis 2005 ausgezeichnet wurde.

Schlafzimmer im Obergeschoss. Bild: jn

Burg voller Licht
Ein stilleres Dasein pflegt das Haus des Bündner Architekten Andres Liesch, nur wenige Minuten zu Fuss von Kerez' Bau etwas versteckt gelegen. Wie jenes von Kerez macht es aus seinem Material keinen Hehl, sondern trägt seinen Beton stolz zur Schau. Jedoch schmiegt es sich stark an den Hang und wirkt im ersten Moment eher uneinnehmbar wie eine Burg. Hat man aber erst mal die endlos scheinenden Stufen überwunden, darf man mit einem architektonischen Meisterwerk Bekannschaft machen. Beim Betreten der Eingangshalle überrascht zunächst, dass die raue Aussenschale scheinbar nahtlos in den Innenräumen weitergeführt wird. In der Tat sind Wände und Decke von gleicher Gestalt wie das durch die Lattenschalung geprägte Äussere. Doch dient der Beton hier nur als Reflexionsfläche für das aus allen Richtungen hereinflutende Tageslicht. Von der Essecke über den Wohnraum bis hin zum Atelier zieht sich ein Fensterband, das sich auf drei Seiten öffnet und dem Bewohner ein fantastisches Panorama weit über Stadt und See hinaus bietet. Die Fassade ist wie ein Kristall facettiert und lässt bereits am frühen Morgen erste Sonnenstrahlen herein. Die Abendsonne wird später auf der Cheminéewand im Wohnraum das Flackern des Feuers untermalen.

Wohnzimmer mit Cheminée. Bild: jn

Offene Raumfolgen
Die Eingangshalle, das Wohnzimmer und der Essraum sind durch knapp unter die Decke reichende Wandscheiben nur symbolisch getrennt, und stehen doch in enger Beziehung zueinander. So erhält der schwere Baustoff hier eine Leichtigkeit, weil er keine tragende, sondern nur eine trennende Funktion übernehmen muss. Den Rücken zu dieser Raumfolge bildet eine lange Betonwand, die im Wohnzimmer in das skulptural gestaltete Cheminée übergeht, unterbrochen von zwei raumhohen Schiebetüren aus dunklem Eichenholz. Dahinter liegen diskret angeordnet die beiden Räume des Ateliers der Künstlerin und Frau des Architekten, Madlaina Liesch Demarmels, wie eine eigene Welt. Die Einbindung des Ateliers in das Haus war ihre Bedingung zum Entwurf ihres gemeinsamen Zuhauses. Hier arbeitete die im Januar 2017 Verstorbene seit fast vierzig Jahren an ihren Kunstwerken und Bildern.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses ist der Garten angelegt. Er führt seitlich um das Haus herum und steht in Beziehung zum Essraum und zur Küche. Den Auftakt bildet ein gedeckter Sitzplatz gleich neben dem Essplatz im Inneren. Dahinter führt eine naturbelassene Wiese zum Aussensitzplatz, der als modern interpretiertes Tessiner Grotto in den Hang hineingebaut ist und besonders an heissen Sommertagen zum Verweilen im Schatten einlädt. Das Erdgeschoss wirkt derart harmonisch und in sich geschlossen, dass die Treppe in der Halle zunächst eher als Skulptur denn als Verbindung auf die eine Etage höher liegenden privaten Räume wahrgenommen wird.

Der Sitzplatz im Freien. Bild: jn

Mit ihren leicht wirkenden Holztritten führt die Wendeltreppe in das Attikageschoss. Während unten das Licht aus allen Richtungen einzuströmen schien, beleuchtet hier oben vorerst nur das Oblicht der Treppe den Korridor. Zur Linken liegt um ein paar Stufen erhöht das Elternschlafzimmer. Gegenüber öffnet sich ein grosszügiger Raum, der dank der raumhohen Schiebetür nahtlos mit dem Korridor zusammenfliesst. Dagegen deuten die Türen der einzelnen Zimmer mit dem Sturz aus dunklem Holz ihren privaten Charakter an. Die sechseckige Grundrissform wird im Attikageschoss besonders gut erlebbar: Das Parkett gibt das Spiegelbild der Deckenschalung ab und orientiert sich jeweils an der raumbestimmenden Aussenwand. Die beiden archaisch wirkenden Materialien Stein und Holz sind gestalterische Richtschnur für das ganze Haus und kehren in immer neuen Variationen und Kombinationen wieder.

Die skulpturale Treppe ins oberste Geschoss. Bild: jn

Dieser Artikel erschien ursprünglich in leicht veränderter Form im Magazin Das Ideale Heim, Ausgabe 10/2011.

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