Ziel ist eine gute Mischung!

Inge Beckel
1. November 2012
gefragt

Anna Schindler, warum fokussiert die neue Auszeichnung ausschliesslich auf Sanierungen, also auf den Bestand?
​Gut die Hälfte der Bauten auf Zürcher Stadtgebiet datiert aus den Jahren 1931 bis 1980, konkret sind es fast 27'000 Objekte. Sind diese in den vergangenen Jahren nicht bereits umgebaut oder saniert worden, so stehen entsprechende Eingriffe wohl bei allen bald einmal an. Neben Genossenschaften, die durch grössere Portfolios in der Regel erfahren sind in Baubelangen, gibt es viele private Hauseigentümer und Eigentümerinnen, die Wohnungen vermieten. Sie sind die grossen Unbekannten. Primär waren sie es, die wir erreichen wollten. Denn wir wollen, dass auch ihr Einsatz zum Erhalt von Liegenschaften und damit der darin lebenden Mieterschaften bekannt und, sind es gute Beispiele, belohnt wird – die Arbeiten der Genossenschaften sind ebenso wichtig, aber eher bekannt.

Die Jury bei der Besichtigung, im Bild Hansruedi Preisig und Peter Gambarini. Bilder: Peter Tillessen.

Die Auszeichnung gilt damit den Bauherren und Bauherrinnen?
Ja, unsere Zielgruppe sind die Bauträgerschaften. Sicherlich gilt die Ehre auch den verantwortlichen Architektinnen und Architekten; meist haben sie die Eingaben ja zusammengestellt. Wie bei der Auszeichnung für gute Bauten der Stadt Zürich aber, die es bereits seit über 60 Jahren gibt und die primär Neubauten beurteilt, sollen die Bauverantwortlichen, die Geldgeber, gewürdigt werden.

Ihr habt das dritte Nachhaltigkeitskriterium, die Sozialverträglichkeit, in den Vordergrund gerückt. Warum?
Durch die Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft sind Aspekte der Ökologie im Grundsatz abgedeckt. Es bleiben die Ökonomie und Soziales, wobei uns erstere durchaus auch interessiert hat. Ökonomische Nachhaltigkeit lässt sich jedoch ohne Zahlen schwierig nachweisen, und die Eigentümer sind mit Zahlen zu den Kosten in der Regel zurückhaltend. Auch bei sozialen Fragen ist ein Nachweis oft nicht leicht.

Wie lauteten die Kriterien der Sozialverträglichkeit einer Sanierung, die in der Jury diskutiert wurden?
Nun, da gibt es Fragen wie etwa: Um wieviele Prozent ist der Mietzins der Wohnungen nach der Sanierung angestiegen? Oder: Wie viele Mieter und Mieterinnen sind nach der Sanierung im Haus geblieben – wie viele sind weggezogen?

Das sind quantitative Werte. Wie sah es mit qualitativen Kriterien aus, also solchen, die sich nicht messen lassen? Das ist ja generell ein Problem bei sozialen Aspekten.
Ein weiteres Kriterium war die Kommunikation, also, wie die geplante Sanierung der Bewohnerschaft bekannt gemacht wurde. Auch hat uns interessiert, inwieweit die Menschen im Haus einbezogen oder unterstützt wurden, etwa wenn es darum ging, zeitweise ausziehen zu müssen oder mitreden zu können bei bestimmten Aspekten der Sanierung. Das sind alles Dinge, wozu es wenig Fakten gibt. Wir haben uns mit dieser Auszeichnung auf Neuland begeben.

Gruppenbild der Jury. Anna Schindler (mit blauen Schuhen) rechts neben Corinne Mauch im roten Hosenanzug ...

Es geht der Stadt indirekt auch darum, Mieter und Mieterinnen in ihren Häusern und damit in der Stadt zu halten?
Je aufwändiger eine Sanierung, desto teurer die Mieten - desto mehr Mieter und Mieterinnen müssen prozentual ausziehen. Dass es nicht einfach ist, auf Stadtgebiet eine vergleichbare Wohnung zu vergleichbaren Bedingungen zu finden, ist bekannt. Eine Stadt lebt aber von der Mischung der Menschen, ihrer Heterogenität. Soziale Durchmischung ist uns wichtig.

Soziale Durchmischung von Menschen, aber auch Durchmischung von Bauten resp. historischen Epochen?
Man könnte sagen: Eine lebenswerte Stadt ist auf den unterschiedlichsten Ebenen vielfältig. Ein durchmischtes Wohnangebot ist sowohl bezüglich der Architektur wie der darin lebenden Leute vielschichtig. Wichtig ist weiter die Vielfalt der Wohnungen. Ich meine zum Beispiel, in Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre gibt es oft gute, klar strukturierte Grundrisse, für Leute etwa, die die offenen, fliessenden Räume der zeitgenössischen Häuser weniger schätzen. Gerade für Familien kann es wichtig sein, Zimmertüren schliessen zu können. Nochmals: Es geht um den Erhalt einer guten Mischung – an unterschiedlichen Menschen in einem Quartier, an Wohnangeboten, an Epochen.

Bauten können zur Identität eines Ortes oder Quartiers beitragen.
Ja, deswegen gilt es, neben Neubauten stets den älteren Baubestand eines Quartiers zu pflegen, sei dieser mehrheitlich aus der Gründerzeit um 1900, der Moderne der Zwischenkriegszeit, der frühen oder dann der späteren Nachkriegszeit oder aus den Jahren um 2000.
 
Wird Nachhaltig Sanieren wiederholt?
Wir denken an einen Rhythmus von vier Jahren, wie bei der Auszeichnung für gute Bauten. Wir haben nun die erste Runde lanciert und müssen Erfahrungen sammeln. Doch eines ist klar: Die Epoche nachhaltiger Sanierungen hat erst begonnen! Es wird in Zukunft noch stärker um den Erhalt und das Weiterentwickeln unseres Bestandes gehen. Die letzten grösseren Reserven auf Stadtgebiet werden bald überbaut sein. Verdichtung oder Wachstum nach Innen kann einerseits über Abriss und Neubau passieren – viel wichtiger aber ist der Unterhalt des Bestandes.
 
Verdichten auf baulicher wie sozialer Ebene also.
Ja, es ist zentral, nicht nur baulich zu verdichten – also dass mehr Raum zur Verfügung gestellt wird, dass aber nach einer Sanierung gleich viele oder sogar weniger Leute im Haus wohnen wie zuvor, weil jede/r mehr Platz konsumiert. Sondern eben auch sozial verdichten, also dass nach baulichen Verdichtungen wirklich mehr Menschen im Quartier leben und arbeiten. Das war auch ein Kriterium, das wir bei der Jurierung angeschaut haben: Wieviele Quadratmeter kommen auf einen Menschen vor respektive nach der Sanierung?

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