Arnold Odermatt – Polizist, Fotograf und am Schluss doch noch Künstler

Nadia Bendinelli
24. Juni 2021
Illustration: World-Architects.com

Wollte man 1948 in Nidwalden den Polizeidienst antreten, musste man sein Arbeitsmaterial selbst mitbringen – zum Beispiel eine Schreibmaschine. Dazu hatte sich Arnold Odermatt «moderne» Handschellen besorgt: Vorhanden waren nämlich nur Kälberketten – das war ihm dann doch zu peinlich. Auch ein eigenes Fahrrad gehörte zu seiner Ausrüstung, denn auch ein Dienstwagen stand damals selbstverständlich nicht zur Verfügung. Schade, hatte man mit dem Rad nur begrenzt Chancen, wenn man ein Auto verfolgte. Aber zugegeben, immer noch besser so als zu Fuss. Obwohl es im Kanton Nidwalden zu jener Zeit wenige Wagen gab, waren diese in sehr viele Unfälle verwickelt. Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, zügelloser Alkoholkonsum, Fahrzeuge «so stabil wie Pappkarton» und fehlende Sicherheitsgurte liessen auch kleinere Unfälle oft tragisch enden. Um diese zu protokollieren, pflegte die Polizei Skizzen der Szenerien anzufertigen. Odermatt aber konnte nicht allzu gut zeichnen, also kam er auf die Idee, kurzerhand die Kamera als Arbeitsinstrument zu benutzen. Sein Vorgesetzter war mit dieser Vorgehensweise ganz und gar nicht einverstanden. Er meinte, Fotografien seien leicht zu fälschen: Doppelbelichtungen waren damals der neuste Schrei. Somit könne die Fotografie nicht ernst genommen werden, meinte er, und keinesfalls seien Odermatts Aufnahmen Beweismaterial. Später wies ein Richter den Vorgesetzten in die Schranken: Die Idee sei zu loben und repräsentierte einen Fortschritt. Denn so war es ihm möglich, alles zu sehen als wäre er selbst dabei gewesen und in der Folge gerechte Urteile zu sprechen. Für Odermatt bedeutete das den Beginn einer 40 Jahre langen Karriere als vermutlich erster Polizeifotograf der Schweiz.

Vom Konditor zum Polizisten

Als einer von «sechs Buben und einigen Schwestern» und Sohn eines Kantonsförsters fand Arnold Odermatt seinen Weg ins Berufsleben zunächst als Konditor in La Chaux-de-Fonds – um dort Französisch zu lernen, «eine gute eidgenössische Tugend», wie er meinte. Odermatts Möglichkeiten, die Sprache tatsächlich zu üben, hielten sich allerdings wegen seiner Arbeitszeiten in Grenzen. Er mochte seinen Job und fühlte sich darin als wahrer Künstler – ganz anders als später: Die Fotografie war zwar die schönste Tätigkeit seiner Polizeiarbeit, darin sah er sich aber nur als Macher. Bloss entwickelte der junge Odermatt bald eine Mehlstauballergie und musste sich beruflich neu orientieren. Sein Plan nach Afrika auszuwandern, gefiel seinem Vater überhaupt nicht. Der bestimmte, die Kantonspolizei Nidwalden sei das einzig Richtige für seinen Sohn. Und so packte der 23-Jährige sein Fahrrad, seine Schreibmaschine und seine Kamera und diente bis ins Jahr 1990, als er sich, inzwischen zum Chef der Verkehrspolizei aufgestiegen, pensionieren liess, als Beamter.

Als Fotograf war Odermatt ein engagierter Autodidakt. Die Leidenschaft für diese Technik entwickelte er schon als 10-Jähriger. An einem Wettbewerb der Steinfels Seifenfabrik gewann der Bub eine Boxkamera, die er trotz ihres instabilen Baus und ihrer doch eher mässigen Qualität jahrelang behielt. Als Beamter arbeitete er mit einer Rolleiflex, die später durch ein zweites Modell ergänzt wurde. Die Rolleiflex blieb bis zum Schluss sein Arbeitsgerät: Digital war «nichts für ihn», er mochte die Handarbeit in der Dunkelkammer und dazu war das Analoge viel schwieriger zu handhaben, also interessanter. Das Fotolabor hatte er in seinem Badezimmer eingerichtet, denn lange hatte die Nidwaldner Polizei dafür kein Geld übrig. Sein Sohn Urs erinnert sich, das Erste, was er über Fotografie gewusst habe, sei gewesen, dass sie stinkt. Weiter erzählt er: «Kodak war teuer. Es gab kein Geld. Und ein Foto pro Motiv musste reichen. Selbstverständlich musste es perfekt sein.» Umgeschrieben heisst das, die Gestaltung jeder einzelnen Aufnahme dauerte «Ewigkeiten». Odermatt suchte die Perfektion – sowohl bei den Bildern für die Arbeit als auch bei Schnappschüssen, die seine Liebsten zeigten. «Warten macht schlechte Laune. Arnold Odermatt machte sie zum Stilmittel.»

«Meine ersten Kameras kannten die Distanzangabe nur in britischen Fuss, nicht in Metern. Die Distanz von Optik zu Motiv musste ich nach Augenmass schätzen – in Nidwalden haben wir verschieden grosse Füsse.»

Arnold Odermatt

Seine Devise war: Ein Bild muss absolut scharf und klar sein, nichts Unnötiges darf darauf. Die Szene soll vollumfänglich fassbar sein, bei jeder Witterung, tags wie nachts, damit der Richter möglichst viel zu sehen bekommt. Eine pragmatische und zweckmässige Haltung, die später in der Kunstszene als Erkennungsmerkmal seiner Arbeit deklariert wurde. Ein weiteres Charakteristikum seiner Fotografie ist der Blick von oben: Oft stand Odermatt auf dem VW-Bus der Polizei, um seine Aufnahmen zu machen. War die dokumentarische Arbeit getan, schoss der Polizist stets ein weiteres Foto für sich selbst, nach eigenen Gestaltungsvorstellungen – nicht als Künstler, mehr als Enthusiast mit hohen Qualitätsansprüchen. Nach der Arbeit tat ihm das Fotografieren gut, um das Geschehene und alles Schlimme zu vergessen – eine Art Therapie, um die Schrecken des Berufs hinter sich zu lassen. Diese Bilder, die wir heute so gut kennen, weisen keine Spuren von Gewalt auf, weder Blut noch Leid ist auf ihnen zu sehen. Sie strahlen Ruhe und sogar Schönheit aus. Die verunfallten Wagen wirken oft regelrecht wie Skulpturen.

Berühmt über Nacht

In Odermatts Wahrnehmung interessierte sich kein Nidwaldner für seine Fotografien. Seine Bilder waren einfach da und wurden benutzt, mehr nicht. Dies änderte sich nach seiner Pensionierung, als sein Sohn die Unfallbilder auf dem Dachboden entdeckte. Er suchte Inspiration für seinen Spielfilm «Wachtmeister Zumbühl», der 1994 erschien. «Der Fund hat mein Drehbuch sehr verändert. Sehr viele Fotos sind im Film zu sehen. Arnold Odermatts eigene Aufnahmetechnik mit dem brennenden Magnesiumpulver ist im Film eine Schlüsselszene geworden. Ohne Wachtmeister Zumbühl wäre sein Werk im Dachboden vermodert und bei seinem Tod unerkannt entsorgt worden.» 60000 Negative in Archivschachteln hatte der ehemalige Beamte mit nach Hause genommen, zahlreiche weitere gingen auf dem Amt verloren. 

Der Regisseur war von den Bildern so begeistert, dass er später auch Herausgeber von vier Bänden im Steidl Verlag wurde: «Karambolage» (heute vergriffen), «Feierabend», «Im Dienst» und «In zivil». Odermatts Werk weckte das Interesse des Kurators Harald Szeemann (1933–2005), der ihn an der 49. Kunstbiennale von Venedig 2001 neben weltberühmten Fotografen präsentierte. Darauf folgten über hundert Ausstellungen weltweit.

Odermatt selbst war völlig verblüfft über diese plötzliche Bewunderung und stellte an der Biennale fest, dass er doch «jemand» war in der Welt der Fotografie. Ihm gefiel vor allem, dass Menschen an seinen Bildern Freude hatten. Doch als Berühmtheit bezeichnet werden? «Ich habe mich nicht berühmt gefühlt. Ist ja verrückt, was mir alles passiert: Ich mache Fotos wie jeder andere auch.» Odermatt genoss die Aufmerksamkeit, die ihm «der Rest der Welt» entgegenbrachte. Gerne aber wäre er in seiner Heimat Nidwalden geschätzt gewesen. Erst 2013 regelte Stefan Zollinger, Leiter des Nidwaldner Museums, endlich die Angelegenheit für den Kanton und widmete dem ehemaligen Polizeifotografen eine schöne Schau

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