Perspektivenwechsel im Baustellenwunderland

Susanna Koeberle
8. Dezember 2021
Die Intervention des Zürcher Grafikbüros Norm in der Baustellenpassage des neuen Kaiserhauses in Bern ist auch räumlich eine besondere Erfahrung. (Foto: Thomas Telley)

Die temporäre ortsspezifische Intervention des Designkollektivs Norm in der Baustellenpassage vor dem neuen Kaiserhaus in Bern schafft ein begehbares räumliches und optisches Erlebnis.

Baustellen sind unangenehm. Sie sind laut, produzieren viel Staub und stören häufig auch die Zirkulation von Passant*innen. Zumindest Letzteres ist vor allem in belebten Innenstädten ein zusätzliches Problem. Seit Oktober 2021 wird das neue Kaiserhaus mitten in der Altstadt von Bern saniert, der Umbau soll voraussichtlich 2024 abgeschlossen sein. Um diese unangenehme Zeit zu überbrücken und sie den Passant*innen gleichsam etwas zu «versüssen», genehmigte die Bauherrin (die Schweizerische Nationalbank) ein Budget für Kunst-und-Bau-Interventionen. Während der gesamten Umbauphase bespielen nun verschiedene Gestalter*innen und Künstler*innen auf Einladung der Kuratorin Georgina Casparis die Bauwände, welche die eigentliche Baustelle abgrenzen. 

Nach einer blumig-bunten Installation der Textildesignerin Annina Arter wurde das bekannte Zürcher Grafikbüro Norm mit einer Intervention beauftragt. Die Arbeit der Designer Dimitri Bruni (Biel), Manuel Krebs (Bern) und Ludovic Varone (Wallis) befasst sich mit den fundamentalsten Elementen der Grafik. Die Grundlage dafür bilden Raster, Proportionen und Modularität sowie das Spannungsfeld zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Bekannt für seine Arbeit in den Bereichen Typografie, Buch- und Postergestaltung treibt Norm auch selbstinitiierte Forschungsprojekte voran. Seit mehr als zwanzig Jahren gemeinsam tätig, wurde die streng programmatische Vorgehensweise des in Zürich ansässigen Studios schon mehrfach ausgezeichnet und 2020 mit einer grossen Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich gewürdigt.

Manuel Krebs, Dimitri Bruni und Ludovic Varone in ihrem Studio in Zürich (Foto: Thomas Telley)

Für ihre temporäre Intervention konnten die Designer beide Wände der Baustellenpassage nutzen. Dadurch wird die Arbeit gleichsam zu einem imaginären Raum, der die Wahrnehmung der Passant*innen herausfordert. Das Thema Raster bildet die Grundlage des Entwurfs, dieses wird allerdings auf eine für Norm schon fast spielerische Weise gebrochen. Inspiriert durch die grafische Arbeit der amerikanischen Grafikerin, Künstlerin und Landschaftsarchitektin Barbara Stauffacher Solomon (ihr faszinierendes Werk war in der Schweiz zuletzt in der Galerie von Bartha in Basel zu sehen) gingen die drei Gestalter von der Idee der Diagonale aus und schufen damit eine besondere Dynamik. Ausgangspunkt dafür war auch die Tatsache, dass es sich bei dieser Passage um einen Durchgangsraum handelt. Die unterschiedlich breiten Geraden und Diagonalen werden verzerrt und erzeugen eine räumliche Erfahrung, die das Thema der Bewegung direkt reflektiert. Zusätzlich betont die schwarz-gelbe Plakatwand die Höhe der Berner Lauben. Die «technoide Landschaft» (so Manuel Krebs) von Norm tritt in einen Dialog mit der mittelalterlichen Bausubstanz und schafft eine Art doppelte Membran zwischen Baustelle und Stadt. Die Arbeit im öffentlichen Raum thematisiert damit implizit seine Nutzung.

Die beiden Plakatwände schaffen einen Raum, der das Motiv der Bewegung thematisiert. (Foto: Thomas Telley)

Eine weitere lokal verankerte Referenz ist das Lied «Bim Coiffeur» des legendären Berner Liedermachers Mani Matter. Dort sitzt der Protagonist eben «beim Coiffeur» und schaut in den Spiegel. Ob der Vervielfachung seines Konterfeis erfasst ihn ein «metaphysisches Gruseln». Manuel Krebs spricht in diesem Zusammenhang auch von einem «Schock». Dieses Gefühl könnte die durch die Installation flanierenden Menschen auch erfassen, wobei wir angesichts der aktuellen Lage auf eine therapeutische und positiv energetisierende Wirkung dieser Erfahrung hoffen. Weniger dramatisch, aber durchaus bewusstseinserweiternd kann der Blick in die Baustelle wirken. Die von den Gestaltern an unterschiedlichen Stellen platzierten Gucklöcher erlauben das Verfolgen der Baustellenarbeit. Und wer weiss, vielleicht erblicken wir dort plötzlich einen weissen Hasen? Die Intervention von Norm ist definitiv ein auf mehreren Ebenen gelungenes Projekt.

 

Mehrere Gucklöcher erlauben den Blick in die Baustelle. (Foto: Thomas Telley)

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